Rom – zwischen Zauber und Massentourismus

Kaum eine Stadt löst in mir solch ambivalente Gefühle aus wie Rom.
In einem Moment verliebe ich mich ganz tief in die italienische Metropole und in der nächsten Sekunde steigt Abscheu in mir auf. Rom ist eines der beliebtesten Städtereiseziele weltweit und Overtourism ist hier nicht nur ein Wort, sondern tägliche Realität.

Liebe – mit Abstand

Wenn ich von der Terrasse unseres Hotels auf die Ewige Stadt schaue, dann bin ich verzaubert. Egal zu welcher Tageszeit, Rom strahlt eine mystische und warmweiche Atmosphäre aus – fast unwirklich und ein bisschen wie auf einem kitschigen Foto.
Dennoch kann ich mich an diesem Anblick kaum sattsehen. Insbesondere zum Sonnenuntergang, wenn die Farben noch wärmer werden und der Dunst durch das tiefstehende Sonnenlicht wie eine Art Weichzeichner auf der Stadt liegt.
Dazu ein Glas italienischen Wein und eine Portion des traditionellen Cacio e Pepe (Nudeln mit Pecorino und Pfeffer). Dabei beobachte ich eine Gruppe stilvoll gekleidete Italiener. Die Männer wie Frauen könnten direkt aus dem Katalog einer italienischen Edelmarke entspringen. Perfekt gestylt bis ins kleinste Detail, bei den Herren natürlich ohne Socken.
Ich mag gut angezogene Menschen.
Hier oben auf der Hotelterrasse erlebe ich das Dolce Vita und spüre, wie es mich schon am ersten Tag süchtig macht. An diesem Ort bekommt man nichts davon mit, was sich unten in den Straßen und auf den Plätzen Roms abspielt.

Rooftop Bar Rom

Romantik zwischen Rosenverkäufern und Brautpaaren

Unser Hotel liegt oberhalb der Spanischen Treppe. Sobald wir diese erreichen, sind wir angekommen im Massentourismus.
Alle fünf Meter wird uns eine Rose unter die Nase gehalten. Die Rosenverkäufer sind aufdringlich und man muss schon ziemlich abweisend sein, damit man die Rosen nicht gegen seinen Willen in die Hand gedrückt bekommt.
Fürchterlich! Ich hasse es, so bedrängt zu werden. Übelnehmen kann ich es den Rosenverkäufern nicht, denn die Masche funktioniert. Immer wieder sehe ich strahlende Frauenaugen und genervte Männer, die überteuerte Preise für die Blumen zahlen. Was soll denn daran romantisch sein? Ich werde das nie verstehen.

Apropos Romantik:
Bis wir unten auf Piazza di Spagna angekommen sind, passieren wir mehrere Brautpaare aus der ganzen Welt. In voller Hochzeitsmontur posieren sie für ein Hochzeitsbild aus Rom, für ihre Sammlung, bevor es gleich weiter nach Santorini geht. Sehr stimmungsvoll – zwischen all den Touristen und Rosenverkäufern.

Spanische-Treppe-Massentoruismus-Rom

Ähnliches spielt sich am Abend auf der Piazza del Popolo und den anderen Plätzen ab. Neben den Rosenverkäufern werden dann noch leuchtende Plastikvögel in die Luft geworfen. Auch diese Masche zieht und immer wieder werden Kinder von ihren Eltern mit diesem Tinnef beglückt. Es gibt keine Piazza, auf der nicht auch schon die Handystick-Verkäufer warten. Und tatsächlich komme ich mir auf der Piazza Navona fast nackt ohne dieses Gadget vor.

Trillerpfeifen und Militär

Seit 2019 darf man sich nicht mehr auf die Treppe setzen und das wird streng kontrolliert. Etwa fünf Polizisten mal mit mal ohne gelbe Weste verteilen sich auf der Treppe und pfeifen mit Trillerpfeife jeden an, der sich hinsetzt.
Und das kommt ziemlich häufig vor! Warum auch immer, es gibt kein einziges Schild, mit dem auf ein Sitzverbot hingewiesen wird. Lieber stellt man Personal dafür ab, dass den ganzen Tag trillert und diese »Aufstehen aber schnell!« Bewegung mit der Hand macht. Ein Irrsinn.

Lesetipp:  Artikel in der FAZ

In den fünf Jahren, die zwischen meinen Rombesuchen liegen, hat sich sehr viel verändert. Die Stadt hat an Leichtigkeit verloren und an allen Plätzen stehen schwerbewaffnete Militärpolizisten – Tag und Nacht. Seit den Anschlägen im November 2015 in Paris wurde die Präsenz von Polizei und Militär drastisch verschärft. Das muss wohl heutzutage so sein. Macht die Atmosphäre aber nicht schöner.

Ellenbogen für das perfekte Foto

Ob Kolosseum, Vatikanmuseum oder Bocca della Verità (Mund der Wahrheit): es ist brechend voll. Auch schon um acht Uhr morgens. Versteh mich nicht falsch, ich mache niemandem einen Vorwurf. Ich bin ja auch Teil dieser Masse und damit Teil des Problems.

Rom OvertourismDennoch ärgert es mich natürlich, wenn ich kaum einen freien Blick vor lauter Menschenmassen erhaschen kann. Ganz besonders unangenehm an solchen Orten empfinde ich die Menschen und gefühlten „Influencer“ aus aller Welt, die die 3.000 Jahre alte Geschichte zum Hintergrund fürs Instagram-Selfie degradieren. Mit Hüten und Kleidchen werden Absperrungen übertreten und nimmt sich einfach den Platz, den man für das perfekte Bild von sich vor dem berühmten Trevi-Brunnen braucht, auch unter Einsatz der Ellenbogen. Dann noch schnell das passende Gesicht aufsetzen und der Insta-Husband fügt sich seinem Schicksal und knippst, bis der Finger glüht. Kopf rechts, Haare lässig zurückgeworfen, mal sexy, mal niedlich – doch das ach so süße Lächeln, ist in der Sekunde verschwunden, in der die Kamera oder das Handy nicht mehr im Einsatz ist.

Um so dankbarer bin ich, dass wir 2015 das Vatikanmuseum und die Sixtinische Kapelle in einem sehr exklusiven Rahmen fast ganz für uns alleine erleben durften.

I was here!

Und doch geht es noch respektloser: Insbesondere am Pantheon, im Kolosseum und im Forum Romanum sind mir die mit Schlüsseln eingeritzten Initialen von Touristen aufgefallen. Immer wieder liest man von Entgleisungen wie Nacktbadern in historischen Brunnen und Vandalismus. Natürlich gibt es Kontrollen und es drohen saftige Strafen aber bei über 15 Millionen Touristen pro Jahr ist dies keine einfache Aufgabe.
So verwundert es mich auch nicht, dass in Rom und auch anderen vom Overtourism betroffenen Städten darüber diskutiert wird, die Zahl der Touristen zu begrenzen. Die Notwendigkeit dessen wir meines Erachtens in Rom aufs Deutlichste sichtbar.

Lesetipp: Artikel in der Frankfurter Rundschau.

Kolosseum Rom Tourismus

Und doch: Rom verzaubert!

Trotzdem, auch wenn ich mich über Touristen ohne Manieren und Interesse, den Lärm und die aufdringlichen Händler geärgert habe: Rom ist wundervoll. Als ob man mir eine rosarote Brille aufsetzen würde, wenn ich nur an Rom denke, so erinnere ich mich voller Liebe an die Stadt.
Wie schafft diese Stadt das nur?


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4 Kommentare

  1. Liebe Sabine, ich war ja heuer nach 20 Jahren endlich wieder einmal in der Stadt, die vor 40 Jahren eine Zeit meine zweite Heimat war. Meine Freundin, die seit mehr als 25 Jahren dort lebt, hat mir ähnliches geschildert wie du hier. Besonders leidet man unter den Kreuzfahrttouristen. Schnell durchgetrieben ohne Konsumation, dafür bleibt der Müll zurück. Ich hatte großes Glück, denn ich war Ende August dort. Da sind noch viele Bewohner auf Urlaub. Nicht alle Geschäfte und Lokale sind geöffnet und der Tourismus ist auch wegen der Temperaturen eingedämmt. Das hat gut gepasst. Für mich gibt es sicher ein Revival, bald hoffentlich. Liebe Grüße aus Salzburg, Claudia

    • Fratuschi Antworten

      Liebste Claudia,
      ich kenne einige deiner Rom-Berichte und weiß, dass du Rom sehr magst. Mir geht es ja auch so.
      Und ich würde auch immer wieder hinfahren. Aber man muss sich auch mal fragen, wo die Grenzen des Tourismus sind. Bei mir hört es definitiv bei Vandalismus auf.
      Herzlichste Grüße
      Sabine

  2. Interessanter Bericht! Ich war vor ein paar Jahren im Januar in Rom. Herrliches Wetter und zwar viele Touris aber kein Overtourism. Außerdem habe ich mir tolle Sehenswürdigkeiten angesehen, die nicht auf den üblichen Touristenrouten sind wie das Diokletiansforum.
    lG
    Ulrike

    • Fratuschi Antworten

      Hallo Ulrike,

      natürlich ist es im Januar ruhiger in Rom.Und sicher sind an den weniger bekannten Orten auch weniger Touristen. Das habe ich selbst auch so erlebt. Das ändert aber nichts daran, dass auch ich gerne das Kolosseum besuchen wollte und es mich ärgert, wenn Menschen dieses antike Bauwerk beschädigen.
      Viele Grüße
      Sabine

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