Reisefotografie – Warum „in Style“ fotografieren?

In früheren Zeiten erfüllte die private Reisefotografie im Wesentlichen den Zweck, dem Vergessen als unvermeidliche Folgeerscheinung des Alterns entgegenzutreten. Im Kreise der Familie oder in einsamer Rotweinlaune anhand von verblassenden Fotoabzügen sich an die zu teuren gleichwohl wundervollen Urlaube zu erinnern, war der wahre Wert dieser Fotoreisen, investiert in einigen dutzend unikaten Lichtbildaufnahmen.

Heutzutage ist es für viele Menschen undenkbar, eine Reise zu tun, etwas zu essen oder morgens aufzuwachen, abends einzuschlafen oder nachts wach zu liegen, ohne dies fotografisch festzuhalten und den paar hundert engsten Freunden umgehend und ungefragt mitzuteilen.

Jeden Tag werden 100 Millionen Fotos auf Instagram und dreimal so viel auf Facebook hochgeladen. In der Zeit, die sie bisher mit diesem Artikel zugebracht haben, sind mehr als 70.000 neue Fotos hinzugekommen.

Ich konfrontiere Sie jetzt mal mit meiner steilen These, dass so ziemlich alles Bemerkenswerte bereits fotografiert wurde, nur noch nicht von jedem. Vermutlich auch bei jedem Licht, aus allen Perspektiven und zu jeder Zeit (Beeindruckender Beweis auf Petapixel). Und mit jeder erdenklichen Kamera, wobei dies noch den geringsten Unterschied ausmachen dürfte.

Fotografie auf Reisen: Mallorca mit Getränk
Leica M10, 35mm Summilux Objektiv, Mallorca

Gute Bilder – eine Frage der Kamera?

Schaut man sich die bekanntesten Fotografen der letzten Jahrzehnte an, stellt man überraschend fest, dass diese sich wenig bis gar nicht mit Kameratechnik beschäftigen. Haben sie das Gerät gefunden, mit dem sie ihre visuellen Ideen bestmöglich umsetzen können, belasten sie sich nicht weiter mit den Technikfragen, sondern mit Bildinhalten. Getreu dem Motto „Horses for courses“ wechseln sie je nach Aufgabe auf die Kamera, Linse oder System, welches am besten zur Aufgabenstellung passt. Ein Prinzip, das jeder Handwerker kennt und umsetzt, welches den oftmals fanatischen Kamera-Fanboys hingegen fremd zu sein scheint, gibt es doch lt. deren Bekunden, Erfahrung und Glauben keine bessere Kamera als xyz. Und zwar für alles und jeden und jederzeit. Da bleibt selbstredend wenig Zeit, sich mit dem Foto an sich zu beschäftigen, gilt es doch die technischen Spezifikationen des neusten Modells gegen den Wettbewerb abzugrenzen, indem dieser klein, besser noch totgeredet wird. Und mit jedem neuen Kameramodell werden selbstverständlich auch die Bilder besser.

Fotografieren auf Reise: Paris
Leica M240, 50mm Summilux Objektiv, Paris

Eine Annie Leibovitz greift in dieser Zeit zur Hasselblad, Nikon oder privat auch mal zur Fujifilm Kamera. Ein Peter Lindbergh nimmt seine Nikon, ein Sebastião Salgado seine Canon, Helmut Newton die Hasselblad, Henri Cartier-Bresson, Robert Capa, Elliott Erwitt eine Leica usw.  Oftmals kommen nicht einmal die neusten Modelle zum Einsatz. Vincent Peters arbeitet gar mit einer analogen Mamiya RZ, die 2004 zuletzt gebaut wurde! Ist das zu glauben? Letztlich ist sowieso nicht immer drin, was draufsteht. Hasselblad Objektive wurden von Fuji gebaut, die früheren Digital Backs kamen von Phase One, viele Kamerahersteller nutzen Sony Sensoren, Panasonic lässt Linsen von Leica konstruieren usw.

Heute und seit Jahren kann man keine schlechten Kameras mehr kaufen. Ein Fotoapparat für 500 Euro produziert mittlerweile eine bessere Auflösung als die Kameras, die ein Cartier-Bresson, Erwitt, Eisenstaedt, Hoepker etc. zur Verfügung hatten. Und obgleich von den über eine Million Fotos, die seit dem Beginn dieses Artikels auf Instagram und Facebook hochgeladen wurden, viele sicher eine bessere Bildqualität aufweisen als Alberto Kordas Porträt von Che Guevara oder Fred Herzogs „Man with Bandage“ oder Kai Wiedenhöfers „Perfect Peace“, werden die allerwenigstens davon einen Eindruck hinterlassen.

Analoge Reisefotografie mit Leica Frau am Strand von Mallorca
Analoge Leica MP, 35mm Summilux Objektiv, Film Kodak Ektar 100, Mallorca

Aber wenn es keine Rolle mehr spielt, was ich fotografiere, weil es unzählige Male von anderen bei besserem Licht und oder mit mehr Talent fotografiert wurde, und wenn es gleichgültig ist, womit ich fotografiere, da heute jede Kamera ausreichend gut ist für die üblichen Verwendungszwecke, was spielt dann überhaupt noch eine Rolle?

Entscheidend ist, meine lieben Leser, WIE ich fotografiere. Im besten Falle mit Stil, mit der Signatur der eigenen Persönlichkeit.

Kamerawahl – Grundlegendes.

Ich möchte an dieser Stelle etwas Expectation Management betreiben, damit sie am Ende dieser Artikelserie genauso viel Spaß hatten, wie ich.

Dieser Artikel ist kein Technikartikel, kein Kameratest oder Vergleich und auch nicht der Versuch eines Fanboys, weitere willfährige Markenjünger ins eigene Lager zu ziehen. Wir werden uns ebenso nicht an MTF Charts von Objektiven oder Signal-to-Noise Ratios von Sensoren ergötzen. Das wollen und können andere besser.

Die hier gezeigten Beispielbilder wurden alle von mir und mit den hier erwähnten stilinhärierenden Kameras erstellt. Da die Bildredaktion von Fratuschi unter dem Vorwand kurzer Ladezeiten nur Fitzelbildchen in lächerlicher Auflösung erlaubt, taugen die Bilder zur Bewertung nur bedingt. Also gar nicht. Laden dafür aber schnell. Das JPEG Dateiformat mit einem 8-Bit sRGB Farbraum und einer Datenkompression die eine schnelle Übertragung per Dosentelefon ins Randgebiet des Sonnensystems zulässt, verhält sich zu TIF im 16-Bit ProPhoto RGB Farbraum wie eine mehrfach raubkopierte Schellackplatte eines Lang Lang Konzertes (chinesischer Drahtkommodenspieler, nicht besonders lange Spieldauer eines Konzertes) zu demselben als Live Erlebnis im Wiener Musikverein mit dem Hörvermögen eines zehnjährigen Synästhetikers. Da viele vermutlich keinen regelmäßig farbkalibrierten Monitor besitzen, Color Management nur vom Waschprogramm erwarten und das hier alles vielleicht auf einem dieser fummeligen „Mobildevices“ lesen, spielt es eh keine Rolle.

Reisefotografie auf Sylt Strand beim Sonnenuntergang
Hasselblad X1D-50c, XCD 90mm Objektiv, Sylt

Ich möchte Ihnen nicht weismachen, dass gleichgültig wie weit entwickelt ein Kamerasystem ist, es die eierlegende Wollmilchsau gibt, die für jede Anwendung die bestmögliche Lösung darstellt.

So ist z.B. für die instantane Instagram Dokumentation des Erlebten das Smartphone in der Regel die smarteste Lösung. Womit die Namensherkunft nebenbei geklärt wäre. Wer seine Fotos gerne als Fototapete verewigt, wird ein Fan des Mittelformates sein und wer lieber Sport- oder Raubtiere bei der Arbeit fotografiert, kann einer Framerate von mind. 10 Bildern pro Sekunde richtig was abgewinnen. Getreu dem Motto „Spray and Pray“ ist dann bestimmt was Schönes dabei. Apropos Motto. Wer glaubt, alles was sich mehr als 10 Schritte vom Auto entfernt befindet ist nicht fotogen, kann sehr glücklich mit einer Spiegelreflexkamera nebst Objektiven und Zubehör werden. Wer wie Sebastião Salgado tagelang durch den regnerischen Amazonas wandert, legt dagegen primär Wert auf gutes „Weather Sealing“. Denn die beste Kamera nützt nichts, wenn sie erstens nicht dabei oder zweitens kaputt ist. Für Konzertfotografie eignet sich besser ein Low Light Monster und für die Street Photography (kann man übersetzen, hört sich dann aber blöd an) taugt was Unauffälliges. Für die Fotografie von Konzerten übrigens auch, wenn man nicht zugelassen ist.

Fotoworkshop Elena Shumilova Deutschland
Hasselblad X1D-50c, XCD 90mm Objektiv, Fotoworkshop mit Elena Shumilova in Krefeld

Reisefotografie mit Stil und Sinn!

Es gibt ungeachtet der Tatsache, dass fast alle Kameras gute Bilder machen können Spezialgebiete, in denen die Geräte sich sehr wohl unterscheiden können. Die (private) Reisefotografie ist dabei recht genügsam. Ich halte es für wichtig, dass eine Kamera inklusive Linsen und Zubehör reisetauglich, d.h. tragbar ist und kein eigenes Flugticket braucht. Sie sollte bei Regen und Hitze und Kälte funktionieren. Um für mich persönlich als Reisekamera in Frage zu kommen muss sie zusätzlich eine außerordentlich gute Bildqualität für den Ausdruck auf A3+ und hochwertige Fotobücher im Coffee-Table-Format liefern. Und über eine gute Ergonomie verfügen. Es muss Spaß machen, die Kamera in die Hand zu nehmen und angenehm sein, sie Stunden- und Tagelang mit mir rumzutragen. Zusätzlich sollte sie von hohem technischen Verständnis und ausgezeichnetem Geschmack des Besitzers zeugen.

Eine Kamera im Look eines Tellers bunter Knete verbietet sich automatisch, wenn sie ansonsten auf Aussehen und Auftreten achten. Und wenn sie das nicht tun, brauchen sie auch nicht weiterlesen. Immerhin wurden seit Beginn des Artikels mehrere Millionen Fotos hochgeladen, die geliked werden wollen.

Reisefotografie mit Stil im Porsche in Rom
Fotograf: Audemar, Kamera: Leica M240, Objektiv: 35mm Summilux, Spiegel: Porsche 911 Targa 4S, Location: Rom

Reisefotografie in Style – weltweit!

Eine Lexibook Hannah Montana Kamera ist ok, wenn man aussieht wie Cindy aus Marzahn. Zum Vilebrequin Outfit im One & Only Reethi Rah auf den Malediven passt sie nicht. Genauso wenig sollte eine Sony Cybershot an einem Handgelenk baumeln, an dem zeitgleich die Patek Philippe Calatrava getragen wird. Das ist, als würde man Seiten aus einer Bibel reißen.

Und eine Polaroid läuft Gefahr, nach dem obligatorischen Clubsandwich in der Lobby des Waldorf Astoria Amsterdam mit dem benutzen Geschirr abgeräumt zu werden, wenn es sich nicht um ein original analoges Sofortbildgerät aus dem letzten Jahrtausend handelt. Das wäre dann wiederum cool.

Legen Sie stattdessen eine Leica M auf den Tisch. Am besten direkt auf eine „Paternoster“ von Swaine Adeney .
Aber nicht aus den Augen lassen, da kommen schnell 15.000-20.000 Euro zusammen, je nach Objektiv an der Kamera. Wenn Sie dann zum Bezahlen den Kellner beim Vornamen nennen und die American Express Centurion Card zücken, werden Anwesende auf akkreditierende Kiemenatmung umstellen.

Wir können also weitermachen und müssen es sogar, da meine Frau allzu lange Texte als SEO-Seuche und Google Gift bezeichnet und angeblich proportional zur Text- und insbesondere Satzlänge unschuldige Hundewelpen verenden. Bühne frei für die stilvollsten Kameras der Welt.


Über den Author:

Audemar hat seine Modelkarriere viel zu früh beendet, um als Chief Coordinator Writers Stuff die Supervision zu übernehmen. Oder so…
Er ist mit mir verheiratet , möchte aber anonym bleiben und schreibt deshalb unter einem Pseudonym, welches aber nicht verraten wird.

Bitte teile diesen Beitrag, wenn er dir gefallen hat.

4 Kommentare

  1. Ein schöner, kurzweiler Artikel über eine meiner liebsten Leidenschaften – der Fotografie. Und es zeigt sich einmal mehr, dass es nicht die teurerste Kamera bedarf, sondern eher ein gutes Auge und Übung, um schöne Fotos zu bekommen, die heraus stehen in dem Sumpf aus immer gleichen Aufnahmen vom gleichen Motiv.

    Liebe Grüße Kirsten

    • Fratuschi Antworten

      Hallo Kirsten,

      herzlichen Dank für deinen Kommentar und dein Lob für meinen Gastautor. Er freut sich darüber.
      Herzliche Grüße
      Sabine

  2. Hihi, ich habe mir noch nie Gedanken drüber gemacht, ob meine Kamera zu meinem Klamottenstil passt. Aber ich achte allgemein wenig auf Äußerlichkeiten und lass mich davon nur wenig beeindrucken. Von daher, wenn die Kamera und ich uns gut verstehen, dann darf es auch Hannah Montana sein *lol* Hauptsache es bringt Spaß und tolle Bilder

    • Fratuschi Antworten

      Liebe Nina,

      Spaß und tolle Bilder stehen natürlich grundsätzlich immer im Vordergrund. Der Fokus dieses Artikels geht darüber hinaus.
      Liebe Grüße
      Sabine

Kommentar schreiben